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Nachrichten/2013-08-06

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Von Schweiß und Schwärmern 2013-08-06
Ösis und Piefkes zu gleichen Teilen
Auch in der Bio-Redaktion gibt es Black Hats. Nicht im Bild: (Blitz-)Lichtscheues Gesindel, Externe, Wombat

Sonntag Mittag in Bayerisch-Kongo, kurz hinter der deutsch-tschechischen Grenze: Zwei Wikipedianer, eben noch eifrig auf der Suche nach einer Tankstelle, fahren rechts ran. Hinter ihnen hält in der Sommerhitze ein silberner Wagen, aus dem zwei Zivilfahnder der Regener Polizei aussteigen. Ausweiskontrolle, einer der Kollegen verschwindet mit den Dokumenten im Wagen, der andere beginnt, Fragen zu stellen. Ob die beiden Angehaltenen aus Tschechien kämen? Zustimmung. Soso, wohl ein Wanderurlaub. Ob sie Waffen oder Drogen mit sich führten? Die Gefragten blicken sich an und müssen lachen. Nein, das ganz bestimmt nicht. Der Beamte, kurz angebunden, bittet darum, den Kofferraum zu öffnen, dann die Hintertüren. Im Fußraum der Rückbank entdeckt er einen milchig-durchsichtigen Kasten, der Blätter und Zweige enthält. Was das denn sei? – „Raupen.“ – „Raupen?“ – „Ja, Raupen. Ich hab gedacht, für die paar Tage kann ich sie mitnehmen, war ja nicht so lang.“ Der Beamte schüttelt entgeistert den Kopf und händigt den beiden ihre Ausweise wieder aus. Wenn die drüben in Tschechien was geraucht haben, dann sicher nicht das, nach dem er gesucht hat, aber bestimmt das falsche. Die beiden Wikipedianer steigen zurück ins Auto und machen sich mitsamt der Raupen wieder auf den Weg.

Was aber war wirklich passiert, jenseits der Grenze? Hatten die beiden tatsächlich nur einen harmlosen Wanderurlaub hinter sich? Waren sie tatsächlich so unschuldig, wie sie den Beamten glauben lassen wollten? Schön wäre es gewesen. Das, was sie dort von Donnerstag bis Sonntag getrieben hatten, wollten sie dem Kontrolleur dann doch lieber nicht auf die Nase binden: Mehrfache Gewaltmärsche von mehreren Kilometern auf über tausend Meter hohe Gipfel, Querfeldeinfahrten auf unbeschilderten Forstwegen, Zweckentfremdung von Hotelinventar, Führen von Hunden auf Wanderpfaden ohne Leine, Lichtverschmutzung in Naturschutzgebieten und Ausfuhr von Insektenlarven zu Forschungs- und Dokumentationszwecken. Kurz, das übliche Programm der jährlichen Biologie-Redaktionstreffen. Diesmal trafen sich die Redaktionsmitglieder – großzügig unterstützt durch WMAT und WMDE – in Kašperské Hory, im äußersten Süden der tschechischen Region Pilsen. Dort besichtigten sie die örtliche Burgruine, wanderten auf den nahegelegenen Valy zur Keltenfestung Obří hrad und unternahmen Ausflüge in die Naturschutzgebiete Boubínský prales und Chalupská slať.

Wie jedes Jahr wurde dabei tagsüber fleißig gekeschert und abends und nachts auch kräftig geleuchtet, um etwa Kiefernschwärmer, Hornissen oder Eisvögel vor das Objektiv zu bekommen. Nicht alle Wald- und Wiesenbewohner zeigten allerdings Bereitschaft, sich in den Dienst freien Wissens zu stellen – bei vielen musste leider fehlender Wille zur enzyklopädischen Mitarbeit konstatiert werden. Als nicht ganz unproblematisch erwies sich auch der fehlende Sinn des Reiseleiters für Wegmarkierungen und sein daraus resultierender Hang zu „Abkürzungen“ (bei brütender Hitze quer über die unbeschattete Kuhweide und den angrenzenden Garten; Kletterpartien durch Geröllfelder, Fichtendickichte und über kreuz-und-quer-liegende Baumstämme) sowie sein mangelndes Gespür für die zumutbare Länge einer Tageswanderung (≪ 25 km). Nicht zuletzt deshalb musste wiederholt auf die Chauffeurdienste freundlicher Einheimischer zurückgegriffen werden, ohne die die Wanderer wohl in der Wildnis versauert wären oder zumindest ihr Programm über den Haufen hätten werfen müssen. Das 10-kg-Teleobjektiv tat sein Übriges dazu, die Wanderungen nicht unbedingt angenehmer zu gestalten. Zu allem Überdruss musste am letzten Abend des Treffens auch noch ein vergessener Rucksack von einer Waldlichtung gerettet werden, kurz bevor ein infernalisches Gewitter über der Region hereinbrach. Umgekehrt boten sich den Teilnehmern des Treffens aber auch tolle Momente wie böhmische Liwanzen nach einem strapaziösen Marsch, Sternschnuppen beim Leuchten im Moor oder der Ausblick vom 1362 (+ 21) m hohen Boubín über den gesamten südlichen Böhmerwald. So verabschiedeten sich die Redaktionsmitglieder am Sonntag vielleicht nicht unbedingt erholt, aber dafür um ein paar gemeinsame Erlebnisse und viele tausend Fotos reicher von einander – bis zum Treffen im nächsten Jahr. (Original veröffentlicht von TAM im Wikipedia:Kurier am 6.8.2013, CC-BY-SA 3.0)