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Projekte/Wikimania 2015/Berichte

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Mit Wikimedia Österreich in Mexiko

Berichte von WMAT-Stipendiaten und -Mitarbeitern zur Wikimania 2015 in Mexiko.

Alex

Bericht von einer Einzelveranstaltung

Wie immer fällt es mir schwer aus der Vielzahl an besuchten Veranstaltungen eine Auszuwählen um sie detaillierter darzustellen. Erschwert wird das Ganze da ich nicht nur an der eigentlichen Wikimania teilnahm sondern auch an zwei Veranstaltungen der sogenannten Pre-Conference, namentlich dem Hackathon und einer Einführungsveranstaltung für die simpleshow-Videoerstellung.

Genauer vorstellen möchte ich Graphs! Visualize maps and data graphs live on Wikipedia von Yuri Astrakhan (User:Yurik). Yurik stellte die MediaWiki-Erweiterung Graph vor, die auf allen WMF-Wikis aktiv ist. Mit dieser lassen sich neben einfachen Statistik-Karten (Land 1 in blau, Land 2 in Grün etc.) auch sehr komplizierte Diagramme darstellen. Da die extension auf vega basiert, das wiederum auf D3.js basiert ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Fehlerbehebung relativ wahrscheinlich. Für uns kann diese extension viel bringen, als erstes werde ich versuchen die Ressourcenfresser rund um die Vorlage:Wahldiagramm mit graph zu ersetzen.

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

Mexiko Stadt erwies sich über alle Unkenrufe erhaben. Sowohl die Stadt selbst als auch das Hilton als Veranstaltungsort waren gut gewählt, einzig der fahle Nachgeschmack dass gerade eine Wikimania im "global south" ausgerechnet im Hilton stattfindet bleibt. Wie immer bei solchen Zusammenkünften, sei es auf nationaler, deutschsprachiger, europäischer oder internationaler Ebene, waren nicht immer die Vorträge, Diskussionen und Workshop das wichtigste. Vieles spielt sich auf solchen Veranstaltungen zwischen den Veranstaltungen ab. Diese informellen Gespräche helfen nicht nur bei der internationalen Zusammenarbeit sondern bereiten auch den Weg für neue Projekte.

Beppo

Bericht von einer Einzelveranstaltung - Translathon

Ich war dort: vorne in der Mitte in Rot. Kurz zuvor war ich bei meinem ersten "Translathon"

Schon seit etwa einem Jahr habe ich in den Einstellungen meiner Wikipedia-Benutzeroberfläche "Beta" aktiviert. (Siehe: Wikipedia:Technik/Skin/Beta). Dahinter verbergen sich verschiedene neue Features, die noch in der Beta-Testphase sind, hauptsächlich der "Visual Editor". Als Beta-Tester werde ich daher vom Entwickler-Team der WMF mitunter angefragt, wie mir der Editor gefällt und etwa, warum ich so oft unverrichteter Dinge aus dem Tool aussteige, um im alten Editor weiterzumachen. Auf der Wikimania in Mexiko hatte ich endlich Gelegenheit, weitere Entwickler der neuen Mediawiki-Editieroberflächen kennenzulernen, nämlich das Team um Pau Giner, das sich um "Content Translation" kümmert. (Siehe: Wikimedia Language Engineering).

Das Tool, das in zwei Sessions des Tech-III-Tracks am Samstag, 18. Juli 2015, vorgestellt wurde, heißt Content Translation zu Deutsch einfach "Inhaltsübersetzung" (wer die Beta-Tools testet, kann ein Häkchen dort machen). Das Interessanteste waren aber nicht die Vorträge und Diskussionen, in denen es um jede Menge Anforderungen und Wunschvorstellungen zu einer benutzerzentrierten Oberfläche ging, sondern der anschließende Praxistest, genannt "Translathon" im kleinen Raum Don Julian.

Als ich eintrat, waren schon alle Tische mit Laptops vollgeräumt und Köpfe sowie Mikroprozessoren waren sichtlich erhitzt. Die Entwickler sausten von Tisch zu Tisch, erklärten die Software und notierten Bugs und mögliche Verbesserungen in kleinen Notizbüchern. Ich entschied mich dafür, einen Artikel aus der englischen WP in die deutschsprachige zu übersetzen. Die Auswahl eines Artikels, der noch der Übersetzung harrte ging mit dieser Benutzeroberfläche einfach und schnell. Man kann sehr schnell zwischen den beiden Sprachversionen hin und her schalten und sich ansehen, was einen erwartet. Schließlich wurde mir, ausgehend von meinen Benutzerbeiträgen, ein Artikel vorgeschlagen, an dem ich - was für ein Zufall - in der englischen WP bereits im Jahr 2013 mitgearbeitet hatte, der aber im Deutschen noch nicht existierte.

  • Erste Enttäuschung: Der Artikel wurde zwar in beiden Spalten des Übersetzungstools angezeigt, aber jedes Mal in Englisch und nicht wie angekündigt in einer maschinengenerierten Übersetzung, die man nur verbessern muss. Erklärung: Die deutschsprachige WP will keine maschinengestützten Übersetzungen, also gibt es auch keine für diese Sprache.
  • Lichtblick: Das Tool dient dem Nutzer trotzdem als anpassungsfähige Umgebung für Übersetzungen von Wikipedia Artikeln. Z. B. werden alle Wikilinks in Windeseile in die entsprechenden der anderen Sprache umgewandelt (thanks Wikidata!).

Im Nu wurde nun von mir händisch die Übersetzung in die rechte Spalte eingetragen und die Wikilinks auf Korrektheit überprüft. Alles einwandfrei. Binnen 30 Minuten waren im Raum 20 Artikelübersetzungen fertig und im Etherpad zur Überprüfung eingetragen. Um mithalten zu können drückte ich schnell das Knöpfchen "veröffentlichen" und schon war mein Artikel mitten in der deutschsprachigen WP.

  • Zweite Enttäuschung: Doch wie sah der Artikel aus? Zweispaltiges Literaturverzeichnis? - In der de.WP nicht erlaubt. Die Taxobox inklusive Bild eingefügt, ist zwar inhaltlich genau das, was der Leser braucht, sieht aber anders aus als sonst in der de.WP. Also schnell die Vorlage "inuse" in den Artikel gesetzt, der besagt, dass der Artikel noch in Bearbeitung ist und dass Andere ihn nicht editieren sollen, da es sonst zu Bearbeitungskonflikten kommen könnte.
  • Lichtblick: Ich weiß noch nicht, ob das wirklich ein Lichtblick ist, aber binnen Sekunden stürzten sich mehrere Editoren auf den Artikel, das "inuse"-Bapperl wurde sofort entfernt, weil man zuerst einmal das zweispaltige Literaturverzeichnis und viele andere Formalfehler beseitigen musste, so etwas darf in der de.WP nichteinmal 10 Sekunden lang stehen bleiben. Da das Übersetzungstool in die Zusammenfassungszeile automatisch eingetragen hatte, dass es sich um eine Übersetzung aus der en.WP handelte, bekam ich gleich einen Rüffel wegen URV und das gesamte Autorenverzeichnis samt Versionsgeschichte wurde aus der englischen WP importiert (das dürfen nur Administratoren). Ich hätte es auch selbst machen können, hatte aber nicht daran gedacht (geringe Schöpfungshöhe, da der Ursprungsartikel von einem Bot (Polbot) generiert worden war, der dazu nur die Daten aus den Roten Listen der IUCN auslesen musste). Das Übersetzungstool gab ebenfalls keinen Hinweis darauf, dass auch bei Übersetzungen (bzw. Übertragungen) peinlich genau auf das Urheberrecht geachtet wird und ein Versionsimport durchgeführt werden soll. Zum Glück wurde der Import von Itti nachgeholt, sonst hätte ich mich bei mir selbst beschweren müssen, dass mein Beitrag von 2013 nicht erwähnt wurde :). Leider schafften es die diversen Editoren nicht mehr, die "inuse"-Vorlage wieder richtig im Artikel zu platzieren. Das rief sofort jemanden auf den Plan, der sich um defekte Vorlagen kümmert und sich sehr wunderte, was denn da geschehen sei. Ich entfernte noch schnell ein paar Kategorien, denn in der deutschspr. WP sind nur maximal zwei in einem Lebewesen-Artikel erlaubt. Inzwischen wurde von wieder Anderen noch am Inhalt poliert, denn ich hatte zwar geschrieben, dass das Tierchen ausschließlich in Kolumbien beheimatet sei, und zwar in der Gegend um die Hauptstadt Bogotá, aber wer weiß denn schon, von welchem Land Bogotá die Hauptstadt ist und so heißt es jetzt "kolumbianische Hauptstadt Bogotá".

Auch wenn der Artikel nie das begehrte Sternchen der redaktionseigenen Eingangskontrolle der "Redaktion Biologie" bekommen wird, das besagt, dass der Artikel nicht unbedingt sofort gelöscht werden muss, so wurde ich doch von den Entwicklern des Übersetzungstools sofort (automatisch) belobigt, dass ich mit meiner ersten Übersetzung per Tool einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung freien Wissens geleistet hätte (siehe: Andinobates virolinensis). Ob das Tool brauchbar ist, weiß ich noch immer nicht, vielleicht in anderen Sprachversionen der WP? Es macht jedenfalls Spaß, damit zu arbeiten und man kommt relativ rasch (wiki wiki) zu Ergebnissen.

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

Es steht die Frage offen, ob dieser Bewohner der Sonnenpyramide ein Felsenziesel oder ein Fleckenziesel ist. Tatsache ist, dass die Ziesel vor uns Männchen machten, um mit Bananen gefüttert zu werden.

Ich weiß nicht, wie oft ich die (Roll-)Treppe auf und ab gelaufen bin, um das laufende Programm auf dem einzigen vorhandenen Monitor zu besichtigen. Das Programm auf dem Monitor durfte man selbst auf dem dabei stehenden Laptop scrollen, wenn nicht gerade jemand anderer dort herumfuhrwerkte - was bei ein paar tausend Teilnehmern an der Wikimania und einem einzigen Laptop nicht auszuschließen war. Auf Papier ausgedrucktes Programm wie in den Jahren zuvor gab es keines, schon gar nicht so ein faltbares, das man in der Klarsichtumhüllung des Namensschildes leicht immer bei sich führen hätte können (um dem Argument entgegenzutreten: "Ihr lasst es ja ohnehin dann im Hotel liegen"). Ich hätte mit dem mitgebrachten Laptop auch hinunter in die Lounge des Hilton fahren und dort gemütlich nachsehen können, das hätte aber bedeutet, dass ich bei der Kürze der Vorträge immer nur zum Schlussapplaus rechtzeitig gekommen wäre. Dabei wäre es diesmal leicht gewesen, einen der auf zwei Stockwerke verteilten 8 parallelen Tracks zu erreichen und manche entschieden sich dafür, einfach von Saal zu Saal zu gehen, bis ein passabler Vortrag vor ihnen lag, z. B. der von MEP Julia Reda über die Panoramafreiheit in der EU. Der schicke Rucksack, den man bei der Anmeldung bekam, war leider völlig leer. Er entpuppte aber seine Qualitäten beim Transport von Wasservorräten auf die Sonnenpyramide von Teotihuacan.

Alles in Allem wäre die Wikimania nur halb erfreulich gewesen, wenn die Pre-Conference nicht gewesen wäre. Beim 24stündigen Hackathon ging wirklich etwas voran. AleXXw's Tools wurden renoviert und viele andere nützliche Tools vorgestellt. Am nächsten Tag gab es den 2. Workshop zu den Erklär-Videos von simpleshow. Dazu kam der von Wikimedia Deutschland organisierte "Wikimedia Conference Follow-Up Day" der zur Aufarbeitung und Weiterführung der Berliner "Chapters Meetings" diente. Hier gab es Sessions über die Betreuung und Förderung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an den Wikimedia-Projekten, über Global Advocacy (das ist das Eintreten für politische Anliegen, so weit sie die WM-Projekte betreffen, z. B. für Panoramafreiheit und gegen Zensur und Beeinflussung) und zur Programmplanung für das Chapters Meeting 2016 in Berlin, die schon im laufenden Jahr von den Zuständigen, Cornelius und Nicole von WMDE, mit Input von allen ehemaligen und künftigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, abgeschlossen werden soll.

Claudia

Bericht von einer Einzelveranstaltung

Unser erstes Erklärvideo (von Ralf Roletschek)

Am Donnerstagnachmittag der Pre-Conference veranstaltete WMAT zusammen mit zwei Trainern der simplehow foundation den zweiten gemeinsamen Workshop für die Konzeption von Erklärvideos. Im Gegensatz zu unserem Pilotworkshop im Januar in Stuttgart mit einer bunten Mischung aus Wikimedianern und Neulingen, hatten wir diesmal ein internationales Publikum aus 100% Wikimedianern – darunter Teilnehmer aus Argentinien, den USA, den Niederlanden, Finnland, Schweden und Deutschland. Es gab reges Interesse an unserem Workshop und so konnten trotz zahlreicher Parallelveranstaltungen den Raum bis auf den letzten Platz füllen. Pünktlich zu unserem Workshop konnten wir auch endlich das erste fertige Erklärvideo aus unserem Pilotworkshop präsentieren.

Das Feeback zur Veranstaltung war auch in Mexiko City wieder sehr positiv – nahezu alle Teilnehmer hatten bereits erste Ideen für ein eigenes Video und die Vertreter von WMNL möchten sogar einen eigenen Workshop im Rahmen der niederländischen WikiCon veranstalten. Darüber hinaus wurde der Workshop auch als interessante und wohltuende Abwechslung zum sonst gängigen Konferenzprogramm wahrgenommen – statt Frontalbeschallung konnte man selber aktiv und vor allem kreativ werden. Insofern sind wir hoffnungsfroh, dass der Workshop sein Ziel erreicht hat, erste Freiwillige für ein internationales Wikimedia Netzwerk von Erklärvideo-Autoren zu gewinnen. Wir sind bereits gespannt zu sehen, wie sich die Nachbereitung im Vergleich zu unserem Pilotworkshop gestalten wird – auch um daraus Schlüsse für die weitere Gestaltung des Projekts und der Kooperation zu ziehen.

Probleme bzgl. des Commons Accounts der simpleshow foundation konnten dank Ralfs Unterstützung ebenfalls vor Ort in Mexiko gelöst werden. Ein Dank gilt neben Ralf auch den der simpleshow foundation, die weder Kosten noch Mühen gescheut hat, um den Workshop in Mexiko möglich zu machen und neben dem Workshop zusätzlich gemeinsam mit Manuel Schneider eine Session zum Thema Videoprojekte im Hauptprogramm mitzugestalten. Interesse an einer Fortsetzung im nächsten Jahr in Esino Lario gibt es bereits seitens aller Beteiligten (simpleshow, WMAT und Esino Lario Team).

Den Bericht der Kollegen von der simpleshow (auf Englisch) gibt es hier.

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

Käse gab's auch: WikiCheese Shooting von und mit WMFR

Diese Wikimania war für mich gekennzeichnet durch extreme Höhen und Tiefen: Noch nie war das Programm so schwach und noch nie der Austausch am Rande so intensiv und produktiv.

Was das Programm angeht, so war reichte die Problematik von handwerklichen Problemen (Sessions für die selbe Zielgruppe wurden parallel veranstaltet und kannibalisierten sich, der Sonntagnachmittag wurde mit viel toter Zeit quasi vergeudet, hier wäre sich noch locker ein einstündiger Slot ausgegangen) bis hin zu mäßig interessanten Sessions, die entweder mehr versprachen als sie hielten oder von vorneherein inhaltlich bereits wenig spannend waren. Immerhin wird das Problem mittlerweile gemeinhin als solches erkannt und erste Ansätze für Verbesserungen wurden bereits am Rande der Konferenz diskutiert. Natürlich gab es Ausnahmen, wir z.B. der viel gelobte und mutige Beitrag von Guillaume, der nun auch als Blogbeitrag aufbereitet ist und dessen Lektüre ich nur wärmstens empfehlen kann. Eine besondere Auszeichnung für WMAT war, dass wir mit dem Eurovision Song Contest auch dieses Jahr wieder in die Auswahl für die „Coolest Projects“ aufgenommen wurden, auch wenn wir es diesmal leider nicht unter die Top 3 geschafft haben. Dafür durfte ich auf dem Panel über unsere Erfahrungen für coole Projekte berichten. Wiki Loves Cheese war wie erwartet der überragende Favorit.

Der Austausch war vor allem bzgl. des Themas EU Advocacy überaus produktiv – nach den jüngsten Entwicklungen hinsichtlich Freedom of Panorama & Co. aktueller und wichtiger denn je. Nicht nur durch die Anwesenheit von Julia Reda – v.a. auch durch engagierte Freiwillige wie unsere WMATler Dimi oder Thomas, konnten sich die europäischen Chapter und die EU Advocacy Group gut gegenüber der Foundation positionieren. Eine gute Basis für ein konstruktives Miteinander auf Augenhöhe in den kommenden Monaten.

Ebenfalls spannend war für mich der Austausch mit einigen der neu gewählten FDC Mitglieder, die noch einen frischen Blick auf den Prozess haben und durchaus ein offenes Ohr für unsere Anliegen und Verbesserungsvorschläge haben. Auch wenn sie letztlich nicht über die Ausgestaltung des FDC Prozesses entscheiden, sind sie doch wichtige Verbündete, deren Stimme Gehör findet, wenn es um Veränderungen geht.

Michi

Bericht von einer Einzelveranstaltung

Die Veranstaltung, die mich mit ihrem dahinterstehenden Projekt am positivsten überrascht hat, war der Bericht von Dimi über die Arbeit der ‚Free Knowledge Advocacy Group EU’ in Zusammenhang mit der geplanten Copyright-Reform. Das vor allem, weil ich das Tun dieser Gruppe bisher leider kaum verfolgt habe. Dabei wird da für das Projekt wirklich entscheidende und hochprofessionelle Arbeit geleistet. Seit 2013 setzt sich eine Gruppe von Wikimedianern – allen voran Dimi selbst als ‚Free Knowledge Ambassador’ – dafür ein, dass auch „unsere“ Anliegen im Bereich freies Wissen auf EU-Ebene Gehör finden. Die Wikimedia-Lobby in Brüssel, kurz gesagt.

Dabei geht es um Themen, die für die Bewegung große Bedeutung haben/hätten, politisch und medial aber vielleicht nicht unbedingt höchste Priorität genießen. Gerade dann können auch die gezielten Bemühungen einiger weniger mit etwas Glück viel bewirken. Konkret wurden 2013 drei zentrale Forderungen formuliert, deren Umsetzung für Wikimedianer vieles erleichtern würde: Staatliche finanzierte Werke in die Public Domain, eine europaweit einheitliche ‚Freedom of Panorama’-Regelung und freie Nutzung sogenannter „orphan works“ (deren Urheber sich nicht feststellen lässt). Durch ständigen Kontakt mit den Entscheidungsträgern in Kommission und Parlament soll deren Sensibilität für diese Anliegen erhöht werden, auch konkrete Vorschläge für zu debattierende Gesetztestexte werden gemacht. Dimi illustrierte das anhand verschiedener aktueller Beispiele, in denen (auch) durch die Bemühungen der Gruppe entscheidende Stellen geändert werden konnten. Der Talk machte mich auf eine großartige und von mir bisher nicht wirklich beachtete Wikimedia-Initiative aufmerksam. Also ganz genau das, was die Wikimania (unter anderem) leisten soll – wirklich well done.

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

Das Essen war gut. Darin waren sich alle einig. Die Verpflegung im Hilton war sicherlich die beste der von mir besuchten Wikimanias (die letzten vier). Und im Gegensatz zu London durfte man sich auch während (!) der Sessions einen Kaffee nehmen. Yippie ya yay. Davon abgesehen gab es organisatorisch schon ein paar Schwächen. Auffällig war, dass ich erstmals kein gedrucktes Session-Programm bekam – zusammen mit der Tatsache, dass es die digitale Variante nur auf einem einzigen Monitor zu sehen gab, schon ein bisschen unpraktisch. Dazu kam eine teilweise etwas seltsame Einteilung. Da tauchten plötzlich leere Ein-Stunden-Slots auf, von denen keiner wusste, wozu sie gut waren. Und auch das schon von früheren Wikimanias bekannte Phänomen, die stärksten (interessantesten) Sessions gegeneinander anzusetzen, konnte wieder beobachtet werden. Das gelang, obwohl es diesmal – und damit bin ich beim wichtigsten Punkt – nicht wirklich allzu viele starke Beiträge gab. Ich fand (Achtung, POV!) das Programm inhaltlich eher schwach.

In die Verlegenheit, mich zwischen mehreren must-see-Sessions entscheiden zu müssen, kam ich trotz suboptimaler Einteilung (s. o.) eher selten. Und auch Veranstaltungen, die sich im Programm ganz interessant lasen, erwiesen sich dann öfters als nicht wirklich hilfreich. Das Missverhältnis zwischen (iwS) „Inhaltliches“ betreffenden Beiträgen und, ja, allem Anderen (Technik, Foundation etc.) wurde schon an verschiedensten Stellen angesprochen. Doch die Stadt und ihre Bewohner waren ein großes Erlebnis, und das Rahmenprogramm enttäuschte nicht. Wie jedes Jahr bereichernd war der Austausch mit unseren fellow wikimedians – auch wenn einen nach ein paar Teilnahmen der Verdacht beschleicht, dass die internationalen Teilnehmer immer mehr oder weniger dieselben sind. Doch allein deshalb zahlt sich die lange Reise eigentlich aus.

Raimund

Bericht von einer Einzelveranstaltung

Ich berichte von der 30-minütigen Session 50 Shades of Wiki: New Tools to Share, Remix and Reuse von Dario Taraborelli, dem Leiter der Abteilung “Research” der Wikimedia Foundation, und Moiz Syed, seines Zeichens “User Experience Designer” bei der Wikimedia Foundation. Besucht habe ich die Veranstaltung, weil ich konkret und atmosphärisch erfahren wollte, was sich in Sachen technischer Weiterentwicklung bei der Foundation so tut.

Vorgestellt wurden u. a. die neue mobile App “Share-a-fact”, die schon breiter kommuniziert wurde, außerdem das mir bis dahin unbekannte neue Beta-Feature “Gather”, mit dem man (ähnlich der Wikipedia-Buchfunktion) eigene Sammlungen von Artikeln außerhalb des ANR “kuratieren” kann. Für diese Entwicklungen wurden zwei Begründungen genannt. Erstens bieten wir zwar von unserer Lizenzierung her die Möglichkeit, Inhalte abzuwandeln und weiter zu teilen, es gibt von Wikimedia-Seite aber bisher kaum technische Angebote, das auch zu tun. Zweitens geht der Trend bei der Internetnutzung hin zu sozialen Netzwerken. Die Internetnutzer würden nicht selbst Inhalte produzieren wollen, wohl aber verstärkt Inhalte remixen und sharen. In Hinblick auf diese Trends müssten technische Erweiterungen geschaffen werden, die verhindern, dass Wikipedia den Anschluss verliert.

Mein Eindruck war, dass die Strategie dahinter ist, die hohen Zugriffszahlen auf unsere (veränderten) Inhalte unbedingt zu erhalten. Dies hat mit der Zusammenstellung und Vermittlung von freiem Wissen, wie sie von der Wikipedia betrieben wird, nur noch wenig zu tun. Anstelle von Objektivität tritt Subjektivität und Enzyklopädieartikel werden durch Wissensschnipsel ersetzt. Wie klug es auch sein mag, den Anschluss an die Zukunft nicht zu verlieren, sehe ich darin die Gefahr, dass die Kluft zwischen Entwicklerseite (Foundation) und Autorenschaft (Community) weiter aufgeht.

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

Eröffnungsfoto

Die Sessions, die ich selbst zum Thema Freiwilligenunterstützung geleitet habe, waren von Beginn an so angelegt, dass ich mit dem gewonnenen Input gut weiterarbeiten kann. Das hat sich auch schon während der Wikimania gezeigt, wo ich einige intensive und tiefgehende Gespräche zum Thema geführt habe, und zwar mit Menschen, die ich sonst nicht so einfach persönlich treffen kann. Einander zum Austausch gegenübersitzen zu können hat noch einmal eine andere Qualität als Telefonkonferenzen oder E-Mail-Verkehr.

Ich habe einige Leute kennengelernt: neue Kontakte aus aller Welt einerseits, was sehr dabei hilfreich dabei ist, die Binnensicht der deutschsprachigen Wikipedia anderen Zugängen gegenüberzustellen; andererseits auch Benutzer, berühmte deutsche Wikipedianer zum Beispiel, die ich sowieso schon lange persönlich treffen wollte. Gemeinsam mit den österreichischen Wikipedianern in einer fremden Stadt unterwegs zu zu sein - auch wenn man sich nur manchmal am Abend oder beim Essen über den Weg läuft - war auch ein Erlebnis, das mir persönlich viel gebracht hat.

Bei den kurzen Timeslots bei der Wikimania (in der Regel 30 Minuten) funktionierten die Sessions am besten, bei denen sich Impulsvortrag und Diskussionszeit ungefähr die Waage gehalten haben. Die Sessions, die ich besucht habe, waren von unterschiedlicher Qualität. Ich finde es aber wichtig, dass bei der Wikimania auch Wikimedianer zu Wort kommen können, von denen nicht alle begnadeten Vortragende sind.

Thomas Lohninger

Bericht von Einzelveranstaltungen

Besonders bereichernd empfand ich den Vortrag von Dimitar Dimitrov über seine Arbeit an dem Thema Panoramafreiheit im Rahmen der Abstimmung über den Bericht des Europa Parlaments zur aktuellen Lage des europäischen Urheberrechts. Das Parlament ist in dieser initiativen Willensbekundung um eine gemeinsame Einschätzung der Auswirkungen und Unzulänglichkeiten unseren aktuellen Urheberrechts bemüht und fokussiert dabei natürlicherweise auf die Diskrepanz zwischen gelebter Praxis in modernen Medien und unharmonisierter Norm in den 28 Mitgliedsstaaten. Relativ zum Ende dieses Prozesses wurde in den Debatten das Thema der Panoramafreiheit aufgebracht. Diese erlaubt - in jenen Ländern wo sie existiert - die freie Verwendung von Fotos von Bauwerken, welche aus dem öffentlichen Raum aus aufgenommen wurden.

Das Thema wurde in der Vergangenheit bereits thematisiert als Wikipedia-Autoren aus Frankreich versuchten Bilder des Straßburger Europa Parlaments von selbigem freigegeben zu bekommen. Welches die Institution bereitwillig genehmigte, wozu diese jedoch rechtlich nicht in der Lage ist. Nur der Architekt des Gebäudes wäre in der Lage laut französischer Rechtslage die Bildern seines Bauwerks für die Verwendung freizugeben. Selbiges trifft auf das Brüsseler-Wahrzeichen, das Atomium zu.

Dieses sehr komplexe und alltagsferne Thema der Europapolitik konnte, dank der tollen Arbeit von Dimi und vieler Wikipedianer aus ganz Europa, nicht nur im Rahmen dieser Willensbekundung gerettet, sondern auch breitenwirksam kommuniziert werden. In seinem Vortrag konnte dank der fehlenden Aufzeichnung frei über viele der Feinheiten europäischen Lobbyings und Campaignings sprechen. Obwohl das Dossier in diesem Fall nur ein nicht-bindender Bericht des Europa Parlaments ist, war es die Weichenstellung für die bevorstehende Urheberrechtsnovelle der EU und der erste Testlauf für eine europaweit koordinierte Kampagne zu netzpolitischen Themen im Rahmen des Wikimedia Netzwerks.

Das größere Bild dieses Vortrags über eine konkrete politische Anstrengung wurde vom WMF Legal Team in einem Vortrag am letzten Tag aufgespannt. Dort wurden fünf Themenfelder ausgerufen, in welchen alle WM Chapter in Zukunft ein Mandat für ihr potentielles politisches Handeln besitzen. Auch wenn die Detailbeschreibung und Ausrichtung der Foundation in diesen Punkten zur Veranstaltung noch nicht veröffentlicht wurden, lässt dies zumindest in den genannten Themenfeldern auf eine klarere Mandats-Situation in bevorstehenden politischen Herausforderungen hoffen.

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

In dieser Wikimania wurde eine generelle Grundstimmung des politischen Aufbruchs kommuniziert. Die jahrelang schwellende Frage ob die freie Ansammlung des Wissens der Menschheit ein politisches Projekt ist, wurde mit dieser Veranstaltung von der Foundation bejaht. Es gab ein klares Policy Statement in 5 breit gefassten Themenbereichen und viel Diskussion rund um die Bedingungen legitimen politischen Handelns. Es ist zu hoffen, dass eine der globalsten und am breitesten aufgestellten netzpolitischen Organisationen in vielen der Debatten rund um die Einhaltung von Grund- und Menschenrechten im Digitalen einen großen Unterschied machen wird.

Wie zu erwarten war Mexiko Stadt eine aufregende und bereichernde Erfahrung und obwohl sich die Veranstaltung im abgeschirmten Zentrum der Stadt im Hilton Hotel befand, profitierte die Konferenz enorm von ihren lateinamerikanischen Teilnehmer_innen. Einigen Besucher_innen wurde fälschlicherweise das Gefühl von Mexiko vermittelt, es sei eine gefährliche Stadt. Dies kann ich nicht bestätigen, mit Ausnahme der mexikanischen Sicherheitskräfte.

Ralf

Bericht von einer Einzelveranstaltung

Mexico bietet viel Geschichte und Kultur, wenn ich schon mal dort bin, möchte ich mir auch etwas davon ansehen. Wie viele andere war ich deshalb auch in Teotihuacán. Die Veranstalter haben diese Ausflüge kurzerhand unter dem Sammelbegriff Wiki Loves Pyramids zusammengefaßt. Die organisierten Touren nach der Wikimania waren eher enttäuschend, das waren Kaffefahrten, vom Hotel Hilton organisiert. Und da ja aus dem Hilton zahlungskräftige Kundschaft kommt, wurden wir von Tourie-Shop zu Tourie-Shop kutschiert. Nebenbei hatten wir auch ein bißchen Zeit, schnell mal durch die Pyramiden zu laufen. Das Ganze war auch noch teuer.

Ich berichte lieber von meinem privaten Wiki Loves Pyramids, Commons hat davon mehr profitiert als der von WM-Mex organisierte "Ausflug". Flug und Unterkunft in Campeche am Golf von Mexico auf der Halbinsel Yucatan haben ohnehin weniger gekostet als die Hilton-Fahrt und die ganztägige Taxifahrt in den Regenwald nach w:Edzná wurde sogar kostenlos. Mein Taxifahrer bekam plötzlich einen Funkspruch, daß sein zweiter Fahrer samt Kleinbus verhaftet sei, wir haben dann ein weiteres Taxi geholt und mit beiden Fahrzeugen die schwedischen Touristen aus der mißlichen Lage befreit. Als Fahrer brauchte ich natürlich nicht mehr bezahlen. Was sich dann dort mitten im Regenwald bot, war wirklich beeindruckend und vor allem waren wir zwei Stunden lang völlig allein an den Maya-Pyramiden. Eintritt hat es auch nicht gekostet, die Kasse war kaputt. Ganz nebenbei konnte ich beim Flug das erste brauchbare Foto vom Erdölfeld Cantarell und eine Luftaufnahme vom Citlaltépetl machen. Anders als in Mexico City waren in Campeche kaum Touristen, es war fast etwas familiär. Man muß nur einige Vorstellungen über Bord werfen. Der Supermarkt war eine Wellblechhütte, in der man bezahlt, indem man einfach Geld liegenläßt.

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

Allgemein herrscht Einigkeit: das Essen war gut. Nein, es war hervorragend! Das zu toppen dürfte schwierig sein. Wobei es kein Kunststück ist, Washington oder London zu übertreffen ;)

an einem normalen Vormittag irgendwo in Mexico (kein Berufsverkehr)
Direkt vor dem Tagungshotel wurden Eisblöcke an Kioske geliefert

Ich habe nicht wie die meisten anderen in einem Hotel übernachtet sondern in einer Privatwohnung. Der Zufall wollte es, daß mein Gastgeber Fotograf für National Geographic und Radfahrer ist. So haben wir uns auch gleich am ersten Tag gemeinsam aufs Fahrrad gesetzt und sind durch Mexico gefahren. Ich war wirklich so verrückt, mein Fahrrad mit nach Mexico zu nehmen und das war auch gut so. Die Stadt beherbergt ein dickes Verkehrsproblem. Ganztags in der Metro hat man gratis Ganzkörpermassage und Geruchswellness, mit dem Taxi oder Bus ist man nicht viel schneller als zu Fuß. Deshalb war das Fahrrad eine gute Idee und wider Erwarten war ich damit auch nicht exotisch unterwegs.

Die Wikimania war nicht so durchgeplant organisiert, wie dies ein Mitteleuropäer vielleicht erwartet. Für mexicanische Verhältnisse war es eigentlich perfekt organisiert. Wenn etwas nicht klappte, dann wurde irgendwie improvisiert, das hat dann manchmal auch nicht funktioniert, also wurde noch was anderes probiert. Wir wollten mit der ganzen Meute ins Museum. Dort angekommen, wurde uns mitgeteilt, daß wir nicht rein dürfen. Also wurde uns kurzerhand empfohlen, daß das Ganze am nächsten Tag widerholt wird. Als auch das nicht klappte, meinten die Veranstalter, jeder soll es selbst versuchen. Man kann sich empören oder es einfach als gegeben hinnehmen, Letzteres ist bedeutend nervenschonender.

Das Programm.... war nicht mehr das, warum Wikimanias eigentlich veranstaltet wurden. Selbstbeweihräucherung der WMF war das auffälligste. Und wenn ich mit meinem mieserablen Englisch bei einem Vortrag der Rechtsabteilung Fehler über Fehler bemerke (Muttersprachler haben das später bestätigt), dann läuft da gehörig was schief. Da muß sich was ändern und dem Buschfunk nach soll es wohl in Italien auch anders werden.

Man77

Bericht von einer Einzelveranstaltung

Auch wenn ich die kritischen Worte in Bezug auf die Featured Speakers, die etwa auf der Kurier-Diskussionsseite in der deutschsprachigen Wikipedia geäußert wurden, zu einem guten Teil nachvollziehen kann, waren diese für mich neben den reallifewikipedianischen zwischenmenschlichen Erlebnissen eines der Highlights dieser Wikimania und ein besonderer Grund zur Vorfreude war, mit Néstor García Canclini jemandem zu begegnen, mit dessen Thesen ich mich im Zuge meines Studiums schon beschäftigt hatte. Warum mir diese Programmschiene zusagte, hatte diverse Gründe: Einerseits gaben die spanischsprachigen Redner der Wikimanía einen lateinamerikanischen Touch, andererseits wirkten sie kompetenter und ihre Analysen überlegter als die so mancher technikentwickelnder Foundation-Insider, und schließlich erschien Wikipedia hier als die Medien- und Wissensplattform, die sie ist, und nicht als ein Softwareprodukt, das irgendjemand gerne hätte. Letztlich sagen mir Community-Panels und Wikipedistik, sei sie intern oder extern motiviert, einfach mehr zu als die gefühlt selben technischen Vorhabensbeschreibungen wie vor zwei Jahren.

Näher eingehen möchte auf Carlos Alberto Scolaris Beitrag Wikipedia and the new media ecology (Sa, 09:00-09:45), das Vorprogramm zum Beitrag García Canclinis, das jenen aber hinsichtlich der geschilderten Inhalte und der Darstellung locker in den Schatten stellte. Scolari sprach über die Diversifizierung der Medienlandschaft und die Veränderung der Medien an sich. Waren Medien früher so ausgelegt, dass einer (oder wenige) viele erreichte, sind es heute Netzwerke, wo viele zu vielen sprechen. Mit einer Explosion der Medien gehe auch eine Art Massenaussterben einher, viele Medien können sich nicht dauerhaft etablieren und verschwinden schnell wieder. Diese veränderte Medienwelt sieht so aus, dass manche Medien in ihrem Funktionsumfang nur sehr klein sind (whatsapp…), wodurch – Scolari nannte den Begriff „snack culture“ – unsere „media diet“ sich aus vielen Medien zusammensetzt, wir aber in jedem einzelnen Medium nur mehr wenig Zeit verbringen.

Wikipedia nannte Scolari als ein Beispiel eines „prosumer“-Mediums, in dem Produzenten und Konsumenten nicht klar voneinander unterschieden werden können, und als beste Verkörperung des von Ted Nelson konzipierten Hypertext. Wikipedia habe widerlegt, dass Webseiten nicht aktiv verändert werden können, habe sich als stärkster Non-Profit-Player in der Medienökologie etabliert und sei selbst Teil eines Netzes verschiedener Projekte (Commons, Wiktionary etc.). Gleichermaßen verkörpert Wikipedia die These, dass der Inhalt eines neuen Mediums stets ein altes Medium ist. Medien, die überleben wollen, müssen sich anpassen: Diese Evolution begünstigt wiederum das Entstehen von hybriden Formen, was man in unserem Wikiversum durch das Wikidata-Game bestätigt sehen kann.

Was habe ich mitgenommen? Ich habe erfahren, dass es in den Universitäten dieser Welt Menschen gibt, die sich aus wissenschaftlichem Interesse mit „uns“ beschäftigen und daraus ganz interessante Schlüsse ziehen. Wikipedia als Phänomen einer Medienevolution, einerseits Teil eines größeren Ganzen, andererseits ein eigenes Kapitel. Normalerweise steigt mein Blutdruck merklich an, wenn Wikipedia mit Facebook in einem Atemzug genannt wird und wenn dem Weiterentwicklungsfetisch gefrönt wird. Wenn man es wie Scolari zu verpacken und abzuwägen versteht, schaut die Welt ganz anders aus.

Lobend erwähnen möchte ich an dieser Stelle auch Salvador Alcántars Beitrag zur Kolonialität der Macht (Folien) und die Diskussionsrunde zu Konfliktbewältigung und POV-Autoren, meine erste Wikimania-Veranstaltung, bei der es um Erfahrungsaustauch zwischen Communitys ging. Detail am Rande: Da lag ein wenig Esino Lario in der Luft. Das kann ja was werden :-)

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

¡Gracias! (tlazohcāmati)

Mexiko, Land wie Stadt, erwies sich in meinen Augen als würdiger Veranstaltungsort, als Ort einer faszinierenden kulturellen Dichte und Historie mit nicht zu verleugnendem, gewissen aufklärerischem Charme (Best Practice: der Tunnel der Wissenschaft, ein Origami-Workshop und eine Ausstellung der „Nationalen Gehirn-Bank“ innerhalb der U-Bahn-Station La Raza), Wikimedia México mit seinen Projekten und Kollaborationen als würdiger Gastgeber und auch das Hilton als passender als gedacht, auch wenn ich nicht ganz gutheißen kann, dass man eine Wikimania an ein „fremdes Land“ im globalen Süden vergibt um dann erst bei einer Kette aus dem Herzen des globalen Norden zu tagen. Es war eine Wikimania der kurzen Wege mit tollem Catering und sehr engagierten Voluntarios in einer Umgebung, die so eine Veranstaltung nahezu problemlos bewältigen kann. Im Vergleich zu 2013 zeigte sich Wikimania sowohl um vieles professioneller als auch um vieles klotzender. Ob das die Zukunft von Wikimania ist, wird die Geschichte zeigen, nicht aber Esino Lario, das ich aus mehreren Gründen als mir genehme Zäsur prognostiziere.

Wikimania ist nicht WikiCon. Wikimanía 2015 war für meine Begriffe eine Veranstaltung mit Schwerpunkt auf Entwicklung, internationale Großprojekte und Kollaborationen – Dinge also, wegen derer ich notorischer Individualist normalerweise nicht mein warmes Bett verlassen würde. Erfahrungsaustausch zwischen Communitys zu Themen wie Inhaltserstellung und -wartung und Konfliktbewältigung spielten gegenüber technisch unterstützter Inhaltsübersetzung und neu designter Diskussionssoftware eine Nebenrolle, aber ja, diese Nebenrolle spielten sie versteckt in den Nebenräumen in mancher Nische des Programms mit Würde und Aussicht auf mehr. Generell wurde „Community“ zu einem Begriff, den jeder gern in den Mund nahm, wohl auch, um sich, seiner Position und seiner Aussage eine gewisse Legitimität zuzudichten, doch scheint mir erstens so mancher und manche eine ziemlich andere Definition von Community und Community-Angelegenheiten zu haben als der Verfasser dieser Zeilen (Beleg: viele der „Community“-Programmvorschläge und -Veranstaltungen) und andererseits vermisse ich immer noch das Bekenntnis, dass in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden, weswegen erst man nun offenbar, indem man „Community“ zum Buzzword verzerrt, eine Kursänderung vornehmen musste. Superprotect, die Benutzerprofile, die Attribution- und Bildrechte-Geschichte für Social Media und andere Konfliktsituationen der vergangenen zwölf Monate blieben unerwähnt. Positiv im Gedächtnis habe ich da Jimbo Wales’ Erkenntnis, dass das Publikum bei seiner Rede zur Lage des Wikis mehr über Wikipedia wisse als er selbst. Auch seine Entscheidung, den Wikipedianer des Jahres in pectore zu ernennen, darf gerne zur Tradition werden.

Unsicher bin ich mir offen gestanden, was mir die Teilnahme selber gebracht hat: Negative Auswirkungen auf meinen Arbeitsschwerpunkt zur politischen Geographie Mexikos wird sie nicht haben, auch habe ich wieder einige nette und interessante Leute kennengelernt, was meiner Motivation nicht abträglich sein wird. Auch hat es mich gefreut, bestimmte Menschen wiederzusehen, doch trotzdem hatte das Netzwerken, Kontakte-Knüpfen, -Pflegen und Kennenlernen einen geringeren Umfang als gedacht. Auch hinsichtlich der Arbeit der Foundation und der diversen Chapter und Usergroups fühle ich mich jetzt nur unwesentlich besser informiert als vor der Wikimania. Zumindest ist der Funke Hoffnung auf eine Wiederannäherung zwischen grob gesagt Foundation einerseits und dem Kern der ehrenamtlich Beitragenden andererseits nun etwas gefestigter, auch wenn es nach wie vor ein Funke und keine lodernde Flamme ist. Und mir wurde das Gefühl vermittelt, dass Esino Lario was nach meinen Geschmack werden könnte. Man77 (Diskussion) 19:46, 29. Jul. 2015 (CEST)

Philip Kopetzky

Bericht von einer Einzelveranstaltung

Die Idee, sich speziell mit plurizentrischen Sprachen und ihren Problemen zu beschäftigen, liegt wohl hauptsächlich in der Tatsache begründet, dass wir auch in der deutschsprachigen Wikipedia ständig solche Diskussion haben. Aber auch ein Blick über den Tellerrand hinaus zeigt ganz gut, wie unterschiedlich die Be- bzw. Missachtung von plurizentrischen Sprachen gehandhabt wird. In der deutschsprachigen Wikipedia sticht vor allem die Debatte um das Thema „Jänner“ hervor, dessen Sonderstellung in seit ca. 2004 immer wieder zu Diskussionen und Streitigkeiten führt (siehe Folien).

Im Vergleich zur deutschsprachigen Wikipedia, wo relativ kleine sprachliche Minderheiten doch gut ausgebaute Richtlinien etabliert haben, wird in der französischen Wikipedia wirklich alles auf das Französisch in Frankreich reduziert. Die Regel der „geringsten Überraschung“ (eigentlich ein Designkonzept aus der Softwarebranche, das auf Sprachen nur bedingt übertragbar ist) sorgt dafür, dass wirklich alles, selbst Artikel über Landespolitiker in Quebec, in einem Französisch zusammengefasst werden. Manche mögen das für die sinnvollste Lösung in dieser Debatte halten, vergessen aber dabei meist, dass selbst kleine Zugeständnisse an regionale Benutzergruppen dazu führen, dass deren Motivation deutlich gestärkt wird. Denn wegen dieser sprachlichen Einzwängung in Wikipedia ziehen es viele aktive Benutzer aus Quebec vor, sich auf andere Projekte wie Commons oder Wikisource zu konzentrieren, wo diese Konflikte selten oder gar nicht auftauchen.

Anders geht es in der englischsprachigen Wikipedia zu, wo eine starke Bindung zu einem gewissen Land dazu führt, dass der Artikel in der entsprechenden Sprache geschrieben wird (beispielsweise der Artikel zu Mumbai in Indischem Englisch). Auch wenn diese Regelung es für viele Artikel einfach macht, so sind die Grauzonen bei solch einer Regelung massiv und kaum zu lösen. In welcher Sprache schreibt man einen in den USA produzierten Film über Sherlock Holmes? Eine klarere und auch einheitliche Vorgangsweise in dieser Sache wäre sicherlich von Vorteil.

Die Präsentation stieß auf ein positives Echo, weitere Präsentationen und vor allem Diskussionen über mögliche Lösungen sind geplant, demnächst wahrscheinlich auch bei der WikiCon 2015 in Dresden!

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

Allgemein Noch ein Jahr ist rum und wieder ist eine Wikimania vorbei. Die Wikimania begann wie immer mit einem zweitägigen Hackathon for der eigentlichen Konferenz, dessen Ergebnisse unter anderem in einer eigenen Session am Sonntag präsentiert wurden (Videolink hier). Neben der Mitarbeit beim Bingo-Projekt konnte ich auch Vorlagen in der West-Punjabischen Wikipedia erstellen, die Reanimation des in der deutschsprachigen Wikipedia gelöschten WikiProjekts Kennzeichnung (das ironischerweise am ersten Tag der Wikimania von Lila Tretikov in ihrer Rede angesprochen wurde) und am HelpDesk einige Fragesteller weitervermitteln, während ich gleichzeitig für meine Präsentation am Sonntag recherchierte. Im Vergleich zum Hackathon in Lyon fühlte sich dieser Hackathon weit weniger fokussiert an, was vermutlich an den doch breiter gestreuten Interessen der Teilnehmer in Mexico City lag. Trotzdem konnten auch hier einige interessante Projekte vorgestellt werden, bei der eine Verwendung in Wikipedia und Schwesterprojekten sinnvoll wäre (siehe unten).

Der Hauptevent fing am Freitag an. Die Eröffnungszeremonie war geprägt von der Rede Lila Tretikovs, deren Metaphern einen spätestens im Weinberg abhängten, und der farbenreichen Vorführung von mexikanischen Tänzern (die Rede des Bürgermeisters entfiel aus unbekannten Gründen). Angesichts des angekündigten Programms konnte man realistischerweise erwarten, dass die zahlreichen Vorträge von Mitarbeitern der Wikimedia Foundation zu einer reinen Informationsveranstaltung der WMF werden würden. Manche dieser Vorträge kamen einem vielleicht schon vom diesjährigen Hackathon oder der letztjährigen Wikimania bekannt vor, waren also von vornherein uninteressant.

Dennoch fanden sich einige interessante Vorträge, die eine genauere Nachbetrachtung wert sind:

  • Q&A with WMF Board - In welche Richtung will das Board der WMF gehen? Die Fragestunde lieferte einige grundlegende Antworten dazu, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen soll.
  • Wikimania Hackathon Showcase - im Showcase wurden insgesamt 23 Projekte vorgestellt, darunter etwa ein direkter Upload von Bildern aus dem Texteditor nach Commons (mit gleichzeitigem Einfügen im Artikeltext). Dazu sollte es irgendwann einmal auch ein Video aus dem Auditorium geben...

Alles in allem kann man die Wikimania 2015 als gelungene Veranstaltung bezeichnen, auch wenn ein Hilton-Hotel als Veranstaltungsort sicherlich so schnell keine Wiederholung finden sollte. Auch die Auswahl des Programmkommitees und der Präsentationsvorschlage sollte für nächstes Jahr deutlich überholt werden, um mehr Platz für Präsentationen aus der Community zu schaffen.

Gesamtkatalog der Präsentationen auf Commons

Dimi

Bericht von Einzelveranstaltungen

  • Meine Session war gut besucht. Die Tatsache, dass dieses Jahr nicht alles aufgezeichnet wurde hatte in diesem Fall positive Auswirkungen. Ich konnte frei aus dem Nähkästchen plaudern und einige Beispiele geben, die ich ansonsten nur in Einzelgesprächen hätte nennen dürfen.
  • In den Tagen vor der Konferenz hatten wir einen Workshop über Public Policy Movement Goals, die ich moderiert habe. Die fast 20 TeilnehmerInnen aus mindestens 11 Länder waren aktiv und wir konnten einige neue Punkte zur Debatte beisteuern.
  • Die Punkte konnten gleich dem WMF Legal Team noch vor ihrem Talk am Sonntag mitgeteilt werden.
  • Die Session von MdEP Julia Reda war mit meiner koordiniert. Ihr Ziel war es die Prozesse aus Sicht einer Politikerin zu beschreiben und die Punkte zu nennen, bei denen Wikimedia positiv an der bevorstehen Urheberrechtsreform mitwirken kann.
  • Ein Netzpolitisches Bier hatte zum Ziel die geografische Lage der diesjährigen Konferenz auszunutzen und uns mit lateinamerikanischen Netzaktivisten zu verzahnen. Wir haben nun u.a. Beziehungen zu Derechos Digitales, R3D MX, Vice Mexico und der EFF Koordinatorin für die Region.

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

Im Gegensatz zur letztjährigen Konferenz, die von vielen Brüchen und Antagonismen geprägt war habe ich diesmal eine durchaus positive Grundstimmung wahrgenommen. Alte und neue Akteure im Movement blicken nach vorne und wollen zumindest versuchen einen gemeinsamen Weg zu ebnen.

Stefan Kasberger

Bericht von Einzelveranstaltungen

Meine wichtigste Session war die zu Strategien für mehr Open Access in der Wikipedia.

Die WMF hat ja dieses Jahr mit einer eigenen, sehr progressiven Open Access Policy einen wichtigen Schritt zur Unterstützung des freien Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen und Daten gesetzt. Lobend ist dabei hervor zu heben, dass die Policy selber unter einer freien Lizenz steht (und somit als Vorlage für weitere Institutionen verwendet werden kann), auf eine OpenDefinition kompatible Lizenz sowie auf ein Zero Day Embargo (Publikation muss sofort unter freien Lizenz stehen, nicht nach Frist) bestanden wird. Wie von Heather Joseph von SPARC gesagt: "The Wikimedia Foundation continues to lead by example in its efforts to democratize access to knowledge. By adopting an Open Access policy to make all outputs of the research that it supports freely accessible and fully useable to the public, the Foundation will help speed the pace of discovery and innovation around the globe.”

Leider wurde im dem Talk durch Jorge Vargas auch das Thema Netzneutralität mit dem Projekt Wikimedia Zero als Teilbereich von Open Access angesprochen. Dabei soll Wikipedia Zero einen freien Zugang auf der Netzebene ermöglichen. Eine an sich gute Idee, doch steht das leider mit dem Prinzip der Netzneutralität im Konflikt. Habe zuvor noch von offenem Zugang auf Netzebene im Bezug zu Open Access gehört, und ich glaube damit tut man der einen wie der anderen Community keinen gefallen. Meiner Meinung nach wird dadurch alles verkompliziert: Beide Diskurse - besonders Open Access -kämpfen bereits jetzt schon mit zu komplizierten Zusammenhängen, unklaren Botschaften und unkohärentem Vorgehen), kommen aus ganz unterschiedlichen Communities (Netzpolitik und Bibliotheken bzw. WissenschaftlerInnen) und die Diskussionspunkte sowie die Akteure weisen kaum Parallelen auf.

Kurzes Statement zur Wikimania insgesamt

Für mich war gegenüber dem ersten Mal in London ein klarer Fortschritt in der Selbstwahrnehmung der zentralen Akteure sowie der Community zu erkennen. Die Foundation hat erste Siege gefeiert (FoP) und muss auf der anderen Seite mit Wikipedia Zero auch Kritik einstecken. Dies zusammen mit dem europäischen Prozess zur Urheberrechts-Novelle hat zu einer politischen Sensibilisierung geführt, in der mittlerweile verstanden wird, dass pro-aktives Arbeiten um die Interessen der Wikimedia Community zu vertreten, ein notwendiger Punkt ist.

Neben dem persönlichen Vorteil, immer mehr mit der Wikimedia zu tun zu haben und somit immer mehr Leute zu kennen, war auch mein Interessensbereich (Data Science, Policy und Open Science) mit Talks von Daniel Mietchen, Aaron Halfaker, Julia Reda uvm. sehr gut abgedeckt. Und nicht zuletzt: Trotz persönlicher Rückschläge zu Beginn hat sich für mich Mexiko als sehr gute Entscheidung erwiesen. Die Leute waren sehr freundlich, die Vernetzung in den globalen Süden wichtig und so wurde auch mal anderen die Möglichkeit gegeben, sich weiter zu entwickeln.